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Am Kanal überschlägt sich wieder einmal alles...
Gestern war gemeldet worden, es hätte bei Seafrance mit Hilfe des vom Handelsgericht eingesetzten Schlichters eine Einigung zur Wiederaufnahme des Betriebs am 12. Dezember gegeben. Heute erfahren wir, daß die Gewerkschaft die Unterschrift verweigert hat. Damit steht erneut völlig in den Sternen, wann die Fähren von Seafrance wieder fahren werden - wenn überhaupt. Denn jeder Tag, an dem nicht gefahren wird, verursacht angeblich Kosten in Höhe von 400.000 Euro.
Ebenfalls gestern gab es Gerüchte, DFDS habe die Norman Spirit gechartert, um sie zwischen Dünkirchen und Dover einzusetzen und so auch ein wenig von dem Verkehrsaufkommen zu übernehmen, das seit dem Ausfall der Seafrance allein P&O in den Schoß gefallen war.
Wie man jetzt bei marinetraffic.com sieht, ist die Norman Spirit tatsächlich gegen 10.30 Uhr in den Eastbound Lane des Verkehrstrennungsgebiets in der Straße von Dover eingebogen. Eingetragener Zielhafen: Dunkerque. Sie wollen noch gerade ein paar Kleinigkeiten ändern, damit sie in Dünkirchen an die Rampe paßt, und dann geht es gegen Ende der Woche los.
Nachtrag, 17.00 Uhr: Die Norman Spirit wird in Dünkirchen gerade in den Osthafen geschleust.
Foto: Norman Spirit, 2009, in Boulogne-sur-Mer
...im Schilderwald.
Foto: Magnée (Liège), 24. 11. 2011, Pentax K-5, SMC-M 2/35 mm

Am Montag haben die Bauarbeiten zu dem begonnen, was 2016 die größte Schleuse der Welt werden soll: 500 m lang, 68 m breit und 18 m tief. Doch bevor es soweit ist, muss gerade noch die Kleinigkeit von 9 Millionen Kubikmetern Erdreich bewegt und 20.000 t Baustahl sowie 800.000 t Stahlbeton verbaut werden.
Die neue Schleuse auf dem linken Scheldeufer soll den Zugang zum Deurgangdok verbessern und Antwerpens Position als zweitgrößten Hafen in Europa weiterhin sichern.
Zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort - so formuliert es die Voix du Nord in ihrer heutigen Ausgabe. Als die Direktion der Seafrance am 15. November in Erwartung des Urteils des Pariser Handelsgerichts die vorübergehende Einstellung des Betriebs anordnete, war die NPC gerade in Dover. Da liegt sie immer noch. An Bord sind 15 Seeleute, die das Schiff auch nicht verlassen können, denn der Wasserstand im Hafen von Dover steigt und fällt mit den Gezeiten und im gleichen Maß muß die Vertäuung der Schiffe nachgespannt oder gelockert werden. Dazu müssen aber die Generatoren des Schiffs laufen. Die verbrauchen zusammen mit der Heizung rund 6000 Liter Diesel am Tag. 8000 sind noch da. Neuer Diesel ist zwar bestellt, aber der Lieferant will Bares sehen.
Auch mit der Verpflegung wird es langsam knapp. Brot, Milch und Butter sind bereits alle, und die Besatzung ernährt sich von den Vorräten des Bordrestaurants: Salate und Steak Frites aus der Tiefkühlung. Wenigsten liefert der Hafen von Dover mittlerweile Trinkwasser, als humanitäre Geste.
Wie lange dieser Zustand noch andauern soll, ist unklar. Gestern hat das Pariser Amtsgericht, das von den Gewerkschaften angerufen worden war, um die Betriebsaufnahme der Seafrance anzuordnen, einen Schlichter ernannt, der erst einmal feststellen soll, ob die Bedingungen, vor allem hinsichtlich der Sicherheit der Passagiere, erfüllt sind.
Eric Vercoutre, Funktionär der Gewerkschaft CFDT, dürfte sich mehrmals täglich in den Allerwertesten beißen, ob seiner verbalen Entgleisung, man wolle die Schiffe versenken, falls Seafrance an die DFDS ginge. Er beteuert zwar überall, die Belegschaft würde doch niemals ihr Arbeitsgerät zerstören, aber die Anwälte der Seafrance und der SNCF führen bei Gericht genau diese seinerzeit in der Hitze des Gefechts gefallene Drohung an, um die Betriebsaufnahme weiter hinauszuzögern, die Gesellschaft damit auszuhungern und so Tatsachen zu schaffen.
Das Projekt der Übernahme durch die Belegschaft gewinnt derweil an Unterstützung. Verschiedene regionale Gebietskörperschaften haben unterdessen über 10 der angeblich benötigten 20 Mio. Euro zugesagt. Am Freitag wird es ein weiteres Treffen im Verkehrsministerium geben.
Für heute oder morgen wird nun die Entscheidung des Amtsgericht über die Wiederaufnahme des Fährbetriebs erwartet.
Von 1942 bis kurz vor Kriegsende wurden Menschen aus den besetzten Gebieten der Nachbarländer nach Deutschland verschleppt und dort als Zwangsarbeiter eingesetzt. Darunter waren auch 200.000 Belgier. Erst sehr viel später ist diesen Leuten und den Hinterbliebenen derer, die dabei umgekommen sind, für das erlittene Unrecht eine Rente zugestanden worden.2010 hat die deutsche Regierung in einem Akt unsäglicher Taktlosigkeit beschlossen, diese Renten künftig mit 17 % zu besteuern, und das - man mag es kaum glauben - auch noch rückwirkend ab 2005.So kommt es, daß in den letzten Wochen in etlichen belgischen Briefkästen ein Schreiben einer brandenburgischen Finanzbehörde gelandet ist, in dem Steuernachzahlungen von mehreren Hundert Euro gefordert werden.Die ganze Sache hat in den belgischen Medien unterdessen die Schlagzeilen erreicht.
Das alles nur wenige Tage nach dem 11. November, den die Belgier zur Erinnerung an das Grauen, das die Deutschen in zwei Weltkriegen über ihr Land gebracht haben, als einen hohen Feiertag begehen. Fast in jedem Ort findet man ein Denkmal, das an die Opfer erinnert. Dort sind auch die Namen derer eingraviert, die als Zwangsarbeiter in deutschen Fabriken ihr Leben gelassen haben.
Deren Witwen sollen nun von dem Almosen, das Deutschland ihnen nach vielen Jahren nur widerstrebend zugestanden hat, 17% wieder zurückzahlen. Mit Fristsetzung, versteht sich, damit die Belgier gleich wieder sehen, was deutsche Gründlichkeit ist. Nur für den Fall, daß sie es vergessen hätten.
Geht es eigentlich noch geschmackloser, Herr Minister Schäuble? Und warum hat die belgische Regierung immer noch keine Antwort auf ihre Anfrage zu dieser Angelegenheit?
Nachdem mehr zur Argumentation des Pariser Handelsgerichts bekannt wird, muß man sagen, das Gericht hat das alles wirklich salomonisch entschieden und begründet.
Ein Verkauf an LDA/DFDS wäre schon allein wegen der Gewerkschaften aussichtslos gewesen. Außerdem war diese Lösung wettbewerbsrechtlich nicht durchzusetzen.
Die Übernahme durch die Beschäftigten in Form einer Genossenschaft hat keine Finanzierung und kein vernünftiges Management. Selbst wenn sie von der örtlichen Politik die für den Start benötigten 20 Mio. bekämen, wäre sofort wieder die Wettbewerbskommission auf dem Plan, und damit ist auch diese Option aus dem Spiel, selbst wenn die Gewerkschaften so tun, als hätten sie noch den großen Trumpf in der Hand.
Hätte das Gericht gleich gestern die Liquidierung angeordnet, so hätte es in Calais einen Bürgerkrieg gegeben. Jetzt dürfen sich die Gewerkschaften bis zum 28. Januar in ihren Versuchen müde laufen, doch noch eine Finanzierung auf die Beine zu stellen, alle kommen noch in Ehren über die Weihnachtsfeiertage und das dürfte es dann für die Seafrance gewesen sein.
LDA/DFDS können sich derweil entspannt zurücklehnen und, wenn Seafrance erst einmal tot und begraben ist, in Calais etwas neues anfangen. Die Schiffe wird es dann günstig geben.
Alles in allem ein toller Sieg für die Mehrheitsgewerkschaft CFDT.
Es fährt übrigens immer noch nichts. Dafür liegt seit heute morgen die P&O European Seaway vor Calais. P&O kriegt wohl Kapazitätsprobleme.
Les Laminoirs et Usines du Ruau ist ein Ende des 19. Jahrhunderts gegründetes Metallunternehmen im Industrierevier von Charleroi. Spektakuläres gab es in der Firmengeschichte nie zu berichten. Bemerkenswert ist allenfalls, daß Ruau zu den ersten Unternehmen gehört hat, auf denen der belgische Milliardär Albert Frère sein späteres Imperium begründet hat. Heute wird mit 120 Beschäftigten nur noch das Walzwerk betrieben. Nun hat der Eigentümer, die italienische Beltrame-Gruppe, die Schließung angekündigt und dazu das Verfahren nach dem sog. Renault-Gesetz eingeleitet, das in Belgien die Vorgehensweise bei Massenentlassungen regelt.
Le monde à l'envers - verkehrte Welt - ist wohl die treffendste Beschreibung dessen, wie in Calais die Entscheidung des Pariser Handelsgerichts aufgenommen worden ist.
Die Mitarbeiter, allen voran die Vertreter der Gewerkschaft CFDT, haben den Beschluß des Gerichts mit Jubel begrüßt. Offenbar sehen sie die Tatsache, daß die Seafrance nicht gleich an LDA/DFDS abgegeben worden ist, als ihren großen Sieg.
Dies sei ein ganz tolles Weihnachtsgeschenk und eine große Erleichterung, so Didier Capelle, Sekretär der CFDT. Man müsse nun angesichts der Provokation der Direktion, den Betrieb für zwei Tage stillzulegen, besonders verantwortungsbewußt sein und wolle sich an die Politik, die SNCF und den Staat wenden, um die Übernahme durch die Mitarbeiter zum Abschluß zu bringen, bei der alle 880 Arbeitsplätze erhalten werden sollen.
Entweder wissen die mehr als wir oder sie sind immer noch nicht in der Realität angekommen.
Das Handelsgericht hat heute die Liquidation der Seafrance mit vorläufiger Fortführung des Geschäftsbetriebs bis zum 28. Januar 2012 angeordnet.
Nun haben die Bieter nochmals bis zum 12. Dezember Gelegenheit, ihre Angebote aufzustocken. Das Gericht hat das Gebot des Konsortiums LDA/DFDS als nicht ausreichend erachtet. Außerdem sieht es die Gefahr eines schwerwiegenden sozialen Konflikts als zu hoch an. Weiterhin hält es den gebotenen Preis für die Übernahme der Schiffe für zu niedrig und aus wettbewerbsrechtlicher Sicht für problematisch.
LDA/DFDS hatten 5 Mio. Euro geboten und angekündigt, 460 Vollzeitstellen zu erhalten, die Reederei unter französischer Flagge fortzuführen und 50 Mio. in Reparaturen an den Schiffen zu investieren. Zurzeit sind bei Seafrance noch 880 Festangestellte und bis zu 200 Zeitarbeitskräfte tätig.
Den Vorschlag einer Übernahme der Gesellschaft durch die Mitarbeiter in Form einer Genossenschaft (SCOP) hat das Gericht abgelehnt. Es könne keinen Plan absegnen, zu dem es keinerlei Finanzierung gäbe.
Ende Oktober war ein ursprünglicher Sanierungsplan mit einer Rekapitalisierung durch die SNCF über einen Kredit in Höhe von 160 Mio. Euro von der EU-Wettbewerbskommission verboten worden. Dagegen will die französische Regierung nun klagen, wobei die Aussichten auf Erfolg gering sind.
Es bleibt also spannend.