Montag, 6. April 2026

J.P. Bridenne (1987)

In Sowjetzeiten gab es den Witz von jemand aus der tiefsten Provinz, der in Moskau herumlief und alle Leute nach dem Kaufhaus 'Prinzip' fragte. Die Moskauer schüttelten nur den Kopf und hatten nie davon gehört. Ja aber in der Provinz hieße es doch immer, für dieses oder jenes müsse er nach Moskau fahren. Dort gäbe es im Prinzip alles...

Wenn es das 'Prinzip' jemals gegeben hat, dann in Boulogne-sur-Mer, genauer gleich nebenan in Outreau. 

In diesem unscheinbaren Gebäude gab es tatsächlich alles. Hausrat, Eisenwaren, Elektrogeräte, Geschenkartikel, Farben und Lacke, Werkzeug, Installationsbedarf, Bodenbeläge, Bootsbedarf, Kleinmöbel, draußen auf dem Hof Kunststoffbehälter in jeder denkbaren Form, Flaschengas... und eine ausführliche Beratung noch dazu. Wenn es etwas bei Bridenne nicht gab, dann auch nirgendwo sonst. An einer Säule neben der Theke hing die gruseligste Auswahl an Mausefallen, die ich je gesehen habe.

Das gesamte Personal bestand aus Mitgliedern der Familie Bridenne. Da fand sich nur jemand zurecht, der darin aufgewachsen war, denn der Laden war sprichwörtlich vollgestopft. Auch der Boden zwischen den Regalen lag voll mit Waren.

Irgendwann brauchten wir Schneckenzangen. Der Kunde vor uns fragte nach Lampendochten. "Habe ich heute Morgen noch welche gefunden." Unsere Schneckenzangen zog der Verkäufer in einem Regal blind unter einem großen Haufen anderer Artikel hervor. In ähnlicher Weise, haben sie angeblich auch ihre Buchhaltung gemacht. Ihren Jahresabschluss hätten sie, so hieß es, in einem Waschmaschinenkarton voller Belege zum Finanzamt getragen. 

Hier ein Blick auf die Abteilung Flaschengase und Kunststoffwannen. Letztere wurden von den Fischern gebraucht, um ihren Fang anzulanden.

Ende der 80er war unsere liebe Freundin Madeleine von Köln in ihre alte Heimat zurückgekehrt, nachdem sie das Haus ihrer Mutter geerbt hatte. Wir haben ihr beim Einräumen geholfen, Lampen angebracht usw.

Auf dem Weg nach Boulogne waren einige Glühlampen zu Bruch gegangen. Dummerweise waren Lampen zum Einschrauben dort völlig unüblich. Alles nur mit Bajonettfassung.

Also auf zu Bridenne. 40 W, E27 Schraubfassung? "Natürlich. Wieviele?" Sechs Stück bitte. Bei Madeleine eingeschraubt, eingeschaltet... Zätsch!!! Alle Lampen und die Sicherung durchgebrannt.

Beim näheren Blick auf die Schachteln fiel er doch auf, der verblasste Stempel: 24 V. Bootsbedarf, da waren Schraubfassungen üblich. Sie haben sie anstandslos zurückgenommen, und Bleidraht für die altertümlichen Porzellan-Sicherungsbänkchen hatten sie auch. 

Um 2009 ist der Laden leider geschlossen worden und das Gebäude beherbergt heute ein wenig originelles Labor für medizinische Analysen. 

Scan vom Dia

Boulogne-sur-Mer (F-62) Sommer 1987 - Voigtländer VSL1, Color-Ultron 1.8/50 mm und Pentacon 2.8/29 mm

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